„Haben wir Euch nicht gewarnt?“ – Was hinter den IS-Attentaten auf Europa steckt

"Haben wir Euch nicht gewarnt?" Abu Hanifa al-Belgiki

„Haben wir Euch nicht gewarnt?“ Abu Hanifa al-Belgiki (Quelle: Twitter)

Die Welt schickt Kampfjets gegen den Islamischen Staat (IS), der antwortet mit Anschlägen in Europa – das ist in etwa die Logik des Terrorkrieges. Der IS hat Ende März ein Video veröffentlicht, in dem er genau diese Strategie bekräftigt und erklärt. Doch es geht nicht nur um Rache – es geht ums Überleben. 

Sprecher ist der in Belgien bekannte Dschihadist Hicham Chaib, bekannt auch unter seinem Kriegsnamen Abu Hanifa al-Belgiki. Bevor er nach Syrien auswanderte war er Leibwächter des bekannten Predigers Fouad Belkacem.

„Ein Anschlag auf Euch und Ihr lebt in Angst“

In dem Video, an dessen Ende Hicham Chaib einen älteren arabisch aussehenden Mann mit zwei Kopfschüssen hinrichtet, sagt der Syrien-Kämpfer: „Haben wir euch nicht gewarnt? Die Lektionen von Paris haben euch offenbar nichts gelehrt. Denn ihr habt einfach weitergemacht mit eurem Kampf gegen den Islam und die Muslime. Darum will ich sagen, dass die Anschläge in Brüssel nur die Ernte dessen sind, was ihr mit euren eigenen Händen gesät habt.“

Zu Beginn des Videos erklärt ein anderer Sprecher auf Französisch zu den Brüssel-Anschlägen: „Das war nur der Anfang.“ Und Chaib spottet: Der Westen greife täglich den IS mit seinen F-16-Kampfjets an. Trotzdem lebten die Muslime im Islamischen Staat „sehr glücklich“.

„Aber ein Anschlag auf Euch und Ihr lebt in Angst und Euer Bedrohungsniveau wird auf die höchste Stufe heraufgesetzt.“ Er kündigte weitere Angriffe „im Herzen Eurer Länder“ an. „So wie ihr unsere Frauen zu Witwen macht, werden wir eure Frauen zu Witwen machen. Und so wie ihr unsere Kinder zu Waisen macht, werden wir eure Kinder zu Waisen machen.“

Experten warnen seit Monaten davor, dass der IS zu massiven Anschlägen im Westen übergehen würde, wenn sein Kalifatsstaat in Syrien und im Irak militärisch bedroht sei. Genau diese Situation ist jetzt eingetreten: 2015 soll der IS – bedrängt von irakischen, syrischen und kurdischen Truppen aber auch von Nato-Luftwaffen-Einheiten – 20 Prozent seines Territoriums verloren haben.

Und der Eroberungszug der IS-Gegner geht weiter: Ende März eroberten syrische Regierungstruppen und ihre Verbündeten die Wüstenstadt Palmyra. Weiter im Nordosten des Landes rücken kurdische YPG-Einheiten Woche für Woche Richtung Süden vor. Deren Ziel: die syrische IS-Hauptstadt Al-Rakka.

Das Kalifat ist in Gefahr

Zu gleicher Zeit haben irakische Einheiten mit dem Angriff auf die irakische IS-Hauptstadt Mosul begonnen. Der Islamische Staat nähert sich damit einer militärischen Niederlage. Und nur dessen Staatsgebiet unterscheidet den IS von jeder anderen Terrorgruppe.

Dessen Eroberung bescherte der terroristischen Organisation Zulauf aus der ganzen Welt. IS-Vorläufer Al-Kaida hatte von diesem Kalifat immer nur träumen können, der IS hat es verwirklicht.

Schon jetzt – nach dem Ende der großen Eroberungen – wenden sich viele ausländische Freiwillige vom IS ab und kehren nach Hause zurück. Zwar hat die Organisation eine zweite Front in Libyen eröffnet. Die tritt jedoch militärisch auf der Stelle.

Bei der IS-Führung dürfte also Panik herrschen – und damit die Bereitschaft zunehmen, buchstäblich um sich zu schlagen.

(Anm.: Der Beitrag erschien zuerst am 27.03.2016 auf t-online.de.)