Erster Eindruck von der Hisbollah

Schon vor Wochen habe ich eine Mail an die Pressestelle der Hisbollah geschrieben und um einen Kontakt gebeten. Die Antwort kam nach einem Tag: „036… (eine Telefonnummer) rana“. Heute ist der Tag gekommen, an dem ich Rana treffen soll.

Rana ist Mitglied einer offenbar hoch professionellen Pressestelle. Sie hat mich für heute, 9 Uhr zu einem Vorgespräch eingeladen. Ich lasse mich bereits um 7:30 vom Taxi abholen und ins Süd-Beiruter Schiitenviertel Dahiye bringen – der Verkehr in Beirut ist ziemlich unberechenbar.

Trotzdem bin ich schon um acht Uhr am Ort –  einem Hochhaus zwischen anderen Hochhäusern. Die Gegend ist das genaue Gegenteil von dem ausgelassenen Party-Stadteil Al-Hamra, in dem ich wohne: ärmlich und nicht so sauber. Außerdem gibt es deutlich mehr Frauen mit Kopftuch und langem Mantel und deutlich weniger mit eng anliegenden Hosen und Shirts als anderswo in der libanesischen Hauptstadt.

Rana geht noch nicht ans Telefon. Ich schlage die Zeit auf der Straße mit lesen und Tee trinken tot. Irgendwann fange ich an, malerisch verfallene (gelegentlich zerschossene) Häuserfassaden mit dem Handy zu fotografieren. Das hätte ich besser gelassen…

Ich gehe wieder zum Tee-Laden zurück und warte weiter. Es ist mittlerweile halb neun. Plötzlich kommt ein zivil gekleideter Mann auf einem Moped auf mich zugerast. Er umkreist mich einmal und bremst dann so dicht vor mir, dass ich zurückweichen muss. Ich halte ihn zuerst für einen Geschäftemacher oder „Fahrdienstleister“. Doch das Verhör, das ummittelbar danach beginnt, lässt keinen Zweifel offen, mit wem ich es zu tun habe – und dass ich besser schön brav auf alle Fragen antworte, die er mir stellt.

Zeit für einen Einschub: Die Hisbollah kämpft seit Jahren auf der Seite von Assad. Für die Anhänger des „Islamischen Staates“ und Al-Kaida ein guter Grund, in Dahiye Terror-Anschläge zu begehen. Bereits zwei mal in den vergangenen zwei Jahren haben die Terroristen zugeschlagen. Jetzt durchforsten zivile Hisbollah-Wächter mit Motorrädern die Straßen auf der Suche nach verdächtigen Gestalten und die Armee bewacht die Zugänge nach Dahiye.

Das „Verhör“ dauert nur wenige Minuten: Ich muss im Detail erklären, wer ich bin, was ich hier mache und die Fotos auf meinem Handy zeigen. Der Mopedfahrer stellt mehrfach mit strenger Stimme Kontrollfragen, um zu sehen, ob ich das gleiche antworte, wie beim ersten Mal. Irgendwann sagt der Mann einfach nur „OK“ und ist genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht ist.

Ich setze mich vor das „Mu’awad-Building“, in dem Rana arbeitet. Diesmal steht pötzlich ein Aufpasser aus dem Gebäude selbst vor mir, und will wissen, wer ich bin, was ich mache und so weiter. „Ich warte auf Rana“ sage ich. „Ah, Rana, OK. Come!“, sagt er. Langsam wird die Atmosphäre höflicher.

Im zweiten Stock befindet sich das Pressebüro. Drinnen herrscht eine konzentriert-ernsthafte Atmosphäre. Es ist sauber und die Einrichtung ist konservativ, aber gepflegt. Die Mitarbeiter grüßen höflich. Gelächelt wird eher nicht.

Ich muss mich ausweisen, und einen Fragebogen mit persönlichen Angaben ausfüllen. Nach ein paar Minuten drückt mir eine freundliche junge Frau in traditioneller muslimischer Kleidung – es ist nicht Rana – eine Visitenkarte in die Hand und sagt: „Wir rufen dich in zwei Tagen an.“ Das war’s für heute. Ich darf wieder gehen.

Ein sunnitischer Bekannter hat mir das schon vorher erklärt: „Die checken dich erst mal ab, um zu sehen, wer du bist. Wenn sie mit dir zufrieden sind, sind sie meistens sehr nett.“

3 Gedanken zu „Erster Eindruck von der Hisbollah

  1. Mensch, das klingt spannend, aufregend und interessant. Und nachdem ich gestern auf arte die Reportage „IS – Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger“ gesehen habe, bin ich völligst gespannt auf Deine Berichte hier.

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